Am 25. Juni 2026 haben wir uns vorbereitend zum kommenden Doppelhaushalt an alle demokratischen Stadtratsfraktionen und Mitglieder des Jugendhilfeausschusses gewendet. Unser Positionen wurden versehen mit einer Einladung sich in unseren Projekten und Einrichtungen ein eigenes Bild von der Situation zu machen und mit den Fachkräften ins Gespräch zu kommen.
Hier der Wortlaut unseres Schreibens:
Sehr geehrte Mitglieder des Dresdner Stadtrates und des Jugendhilfeausschusses,
die Dresdner Kinder- und Jugendhilfe mit ihren etablierten Netzwerk- und Qualitätsentwicklungsstrukturen galt lange Zeit als exzellent. Die politische Prioritätensetzung im Doppelhaushalt 2025/26 zu Lasten der Kinder- und Jugendhilfe stellte diesbezüglich eine Zäsur dar.
Im Vorfeld der Kürzungen wiesen wir in unseren Stellungnahmen und Positionierungen gegen die Schließung unseres Kinder- und Familientreffs „Mareicke“ bereits mehrfach auf die gravierenden Auswirkungen einer flächendeckenden Kürzungswelle im präventiven, ermessensbezogenen Pflichtbereich der Kinder- und Jugendhilfe hin. Mit der Verringerung des Angebotes finden Kinder, Jugendliche und Familien seitdem weniger professionelle Ansprechpersonen. Dies führt insbesondere im Bereich des Kinderschutzes und der Beratung nach §§8a und 8b SGB VIII zu einem Anstieg der Anfragen[1] aus Institutionen der Bildung und Freizeit.
Unsere Beratungsstelle in Pieschen verzeichnet eine massive Verlängerung der Wartezeiten für Familien und ist gezwungen Ratsuchende mit Terminen mehrere Monate zu vertrösten, was wiederum in vielen Fällen zu einer Zuspitzung der familiären Problem- und Konfliktlagen führt und nicht selten in einem Verfahren zur Abprüfung einer Kindeswohlgefährdung mündet. Diese akuten Anfragen aus Kitas, Schulen und anderen Institutionen im Kinderschutzverfahren führen aufgrund deren Vorrangs wiederum zu einer Verknappung an Beratungsterminen für Familien und verlängert die Wartezeiten nochmals – ein Kreislauf mit ungewissem Ausgang zu Lasten der Kinder, Jugendlichen und deren Familien. Hinzu kommt die drastisch verringerte Anzahl der stadtweit verfügbaren INSOFAS und damit eine noch höhere Belastung der Fachkräfte in den Beratungsstellen.
Als anerkannter Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe mit über 35-jähriger Erfahrung fordern wir daher alle politischen Verantwortlichen auf:
Stellen Sie Kinder und Jugendliche konsequent in den Mittelpunkt Ihrer Politik!
Angesichts der Herausforderungen unserer Gesellschaft sind dabei drei Felder zentral:
Kinderschutz: Dresden braucht einen starken, sichtbaren und handlungsfähigen Kinderschutz, der präventiv und interventiv wirkt. Das Netzwerk der Kinder- und Jugendhilfe muss nachhaltig gesichert sein, finanziell wie personell, um effektiv wirken zu können. Nur so ist gewährleistet, dass Kinder in Situationen von Not und Gewalt wirklich kompetente Ansprechpersonen finden.
Inklusion: Dresden bekennt sich dazu, die Inklusion von Kindern und Jugendlichen in allen Lebensbereichen systematisch und verbindlich umzusetzen. Ziel ist es, allen jungen Menschen – unabhängig von Behinderung, sozialer Herkunft, Sprache, Geschlecht oder Aufenthaltsstatus – gleichberechtigte Teilhabe an Bildung, Freizeit, Kultur und gesellschaftlichem Leben zu ermöglichen.
Kinderrechte: Politik, Verwaltung und alle gesellschaftlichen Akteur:innen müssen Kinder und Jugendliche mit ihren spezifischen Bedürfnissen täglich mitdenken und bei allen sie betreffenden Entscheidungen berücksichtigen.
Damit Dresden einen wirksamen und präventiven Kinderschutz bekommt, fordert der Kinderschutzbund Dresden:
Strukturen handlungsfähig machen: Der Allgemeine Soziale Dienst sowie die Beratungsstellen für Familien, Kinder und Jugendliche sind überlastet. Fachkräfte sind regelmäßig am Limit und werden strukturell überfordert. In dieser Situation scheitert Kinderschutz trotz besten Willens aller Beteiligten an eben jenen strukturellen Hindernissen. Hohe Qualität und Fachstandards drohen in ihrer Weiterentwicklung zu stagnieren oder gar zu erodieren. Es braucht dringend strukturelle Veränderungen, damit die Kooperation der öffentlichen mit der freien Kinder- und Jugendhilfe ein sicheres Fundament bekommt und ihre Wirksamkeit entfalten kann.
Prävention stärken: Die Angebote der Kinder- und Jugendarbeit als ermessenbezogene Pflichtleistungen sind mindestens auf das Niveau der offiziellen Fachkräftebemessung[2] zu erhöhen. Verlässliche Beziehungen zu sozialpädagogischen Fachkräften und deren Angeboten vor Ort können Kinder- und Jugendliche stärken, Kinderschutz frühzeitig sichern und kostenintensive Folgemaßnahmen verhindern.
Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Familien sichern und ausbauen: Die Beratungsstellen sind wichtige Anlaufstellen für Kinder, Jugendliche und Eltern. Die Fachkräfte beraten umfassend und sind zentrale Multiplikator:innen im Kinderschutz. Beratungsstellen müssen in ihren Kapazitäten dringend langfristig finanziert und ausgebaut, sowie in ihren qualitativen Inhalten abgesichert werden. Zudem erklären unsere Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen regelmäßig, dass der Bedarf an notwendiger Elternarbeit weder strukturell noch fachlich abgedeckt werden kann, wenn es keine entsprechenden Kapazitäten in Form von Kitasozialarbeit am Standort gibt.
Damit Inklusion Realität wird, fordert der Kinderschutzbund Dresden:
Barrierefreiheit vorantreiben: In Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit, Schulen, Spielplätze und Freizeitangebote ist zu investieren, um diese konsequent barrierefrei und somit zugänglich für alle zu gestalten.
Offene und Mobile Kinder- und Jugendarbeit konsequent stärken: Die Angebote der Kinder- und Jugendarbeit benötigen für eine an Lebenslagen, Themen und zeitlichen Ressourcen orientierte Ausgestaltung eine stabile räumliche, personelle und finanzielle Ausstattung. Die Möglichkeit, vielfältige Perspektiven und Lebensrealitäten einzubeziehen, eröffnet Raum für Begegnung und fördert Toleranz und Akzeptanz.
Damit Kinderrechte im Dresdner Alltag wichtig werden, fordert der Kinderschutzbund Dresden:
Bürokratische Hürden abbauen: Immer noch sind viel zu viele Anträge nötig, müssen Eltern und Sorgeberechtigte viel zu viele Formulare ausfüllen, damit Kinder wichtige Angebote wahrnehmen können. Mitarbeitende in Schulen, Vereinen und Jugendämtern verbringen Zeit im Umfang zahlreicher Vollzeitstellen mit Verwaltung, statt „am Kind“ zu arbeiten und die pädagogischen Angebote zu machen, für die sie ihren Beruf ergriffen haben. Alle Verwaltungsvorgänge, die nicht zum Wohle der Kinder wirklich nötig sind, sollten abgeschafft werden.
Partizipation leben: Kinder- und Jugendarbeit ist als Teil einer demokratischen, kommunalen Infrastruktur anzuerkennen, die im Sinne einer alltäglich erlebbaren Partizipation Demokratiebildung ermöglicht. Hierzu bedarf es einer entsprechenden Akzeptanz und Konfliktfähigkeit auch auf Seiten von Kommunen und Trägern, die junge Menschen als mündige Bürger:innen mit ihren Anliegen ernst nehmen.
[1] Zahlen für die Beratungsstellen in Pieschen: 2023 = 19 Beratungen / 2024 = 14 Beratungen / 2025 = 13 Beratungen / 2026 = bereits 18 Beratungen (Stand 19.06.2026)
[2]https://jugendinfoservice.dresden.de/de/fachkraefteportal/jugendhilfeplanung/statistische-daten-und-fachkraeftebemessung/Fachkraeftebemessung.php (10.06.2026)